Die Umfragewerte hatten alarmiert: mehr als 40 Prozent für eine Partei, die verspricht, das Land zu „retten“. Dazu das Gerede von der Alleinregierung und ein Auftreten, das bisweilen fast kindlich überlegen wirkt.
Für die Grünen aus dem Kreisverband Altenkirchen war klar: Da müssen wir hin.
Auf Einladung des Kreisverbandes Burgenland machten sich Grüne aus dem Kreis Altenkirchen auf den Weg nach Naumburg. Dort wurden dringend helfende Hände gebraucht. 40.000 Flyer sollten in den Wochen vor der Wahl in die Briefkästen – an diesem Wochenende in Naumburg, Weißenfels und Zeitz.
„Es ist so gut, dass ihr da seid“, begrüßte Andreas Goldmann, der örtliche Wahlkampfmanager, die Helferinnen und Helfer.
Denn einfach ist der Wahlkampf für die Grünen hier nicht. Naumburg liegt politisch betrachtet in der Diaspora: Bei vergangenen Wahlen kamen die Bündnisgrünen hier teilweise nur auf drei bis vier Prozent. Umso klarer die Strategie: raus auf die Straße, hinein in die Fläche.
„Wir gehen in die Breite. Das gesamte Gebiet – jeder zulässige Briefkasten – wird mit Flyern bestückt. Und die Verteiler seid ihr“, erklärte Goldmann.
Und sie kamen: Grüne aus Hessen, Hamburg, Sachsen, Bayern, Rheinland-Pfalz, Berlin und Baden-Württemberg – mittendrin die Altenkirchener Kreisgrünen.
„Ein fühlbarer Energieschub für die dortigen Grünen“, sagt Kreissprecherin Susanne Leber.
Dann ging es los. Tausende Briefkästen wurden bestückt. Der zeitweise strömende Regen? Kein Grund, aufzuhören. Der Burgenlandkreis wurde systematisch „geflyert“.
Foto: Susanne LeberDoch die eigentliche Überraschung wartete zwischen den Briefkästen. Denn die Aktion bot reichlich Gelegenheit für Gespräche auf der Straße.
„Es war genau diese Aktion, die genug Gelegenheiten für die Gespräche auf der Straße bot“, berichtet Günter Leber, Sprecher des Betzdorfer Ortsverbandes.
Foto: Susanne LeberEine Frau kommt auf die Gruppe zu. „Es ist so schön, dass ihr hier seid“, sagt sie – fast verschämt und mit einem Blick zur Seite, als wolle sie lieber nicht zu laut sprechen.
Dann wird sie deutlicher: „Die hier haben fast schon die gesamte Stadt verseucht. Das Land retten – so ein Schwachsinn. Und die Menschen glauben das.“
In Weißenfels erzählt ein Mitarbeiter der Caritas von seinem Alltag: „Hier liegen Leute pflegebedürftig in ihren Betten. Sie können das Haus nicht verlassen. Aber eines scheinen sie zu wissen: Dem Land Sachsen-Anhalt geht es schlecht.“
Und dann ist da noch der Mann in Naumburg, der den Grünen zunächst wenig Sympathie entgegenbringt:
„Ich brauche keinen Unterricht von den Grünen. Hier die Cannabis-Zigarette auf der Straße rauchen zu dürfen, das habe ich den Grünen zu verdanken. Aber ich habe politisch meine Heimat gefunden. Und ich bin sicher, der politische Systemwechsel wird kommen – da könnt ihr sicher sein.“
Sätze wie diese bleiben hängen.
Denn hinter den Prozentzahlen, den Wahlplakaten und den Stapeln von Flyern zeigt sich im direkten Gespräch ein Land, in dem Frust, Sorge, Enttäuschung und politische Erwartungen eng beieinanderliegen.
Für Günter Leber wird genau das zum zentralen Eindruck dieses Tages:
„Es beschleicht einen das Gefühl, hier in dieser politischen Luft: Wir können etwas verlieren – etwas ganz Wertvolles – etwas, was man liberale Demokratie nennt.“
Und deshalb sind sie nach Naumburg gekommen. Nicht nur, um 40.000 Flyer zu verteilen. Sondern um sichtbar zu sein, zuzuhören, zu widersprechen – und für eine demokratische, offene Gesellschaft einzustehen.
Mitten im Wahlkampf. Mitten in Sachsen-Anhalt.
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